Idee und Philosophie:

Regional Governance – Selbst-Ermächtigung und Selbst-Verantwortlichkeit

Wege der gesellschaftlichen Teilhabe in neodemokratischen Gesellschaftsformen

Im Folgenden soll aus einer entwickelnden Innenschau heraus die Wurzeln und die daraus erwachsenden Erscheinungen einer regionalen Selbstverantwortlichkeit skizziert werden.

Natürlich wird man die Erscheinungen (Phänomene), also wie das „Pflänzchen“ dann konkret aussehen wird, niemals im vorherein genau beschreiben können und sollen. Aber man kann schon sagen, welche Grundeigenschaften es haben wird, von welcher Art es ist und wie es in einen großen Kontext passen kann.

Die Idee einer neuen (alten) regionalen Selbstverantwortlichkeit fußt auf vier grundlegenden Gedanken:

1. Innere Entwicklung und Haltung

Verantwortlichkeit beginnt bei jeder einzelnen Persönlichkeit. Selbst-Verantwortlichkeit bedeutet, für die Fragen und Herausforderungen, die das Leben stellt, selbst eine Antwort zu entwickeln. Es ist eine (ebenfalls zu entwickelnde) Grundhaltung, diese Selbstverantwortung wahr-nehmen zu können. In diesem Ein-lassen und Zu-lassen steckt die Gelassenheit, in die Welt eingehen und diese auf einen zugehen zu lassen. Aus diesem Wechsel- und Wachstumsspiel speist sich die innere Entwicklung einer Persönlichkeit vom Werden ins Sein.

2. Wertekanon und Rechtsverständnis

So umwelt- und traditionsspezifisch konkrete Wertesysteme und Umgangsformen verschiedener menschlicher Gemeinschaften sein mögen, so ist ihnen doch der soziale Grundcharakter des Menschseins gemeinsam. Kriegsführung und gegenseitige Übervorteilung sind hier ein Nebenaspekt, ursprünglich aus Notwendigkeiten des Überlebens entstanden. Eher dominiert natürlicherweise das Interesse an Austausch, geistig wie materiell, und eine daraus resultierende Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft. In sozialen Großsystemen wären Kriege überflüssig, wenn sie nicht von Gruppen psychisch kranker Menschen als Machtinstrument gebraucht würden.

Eine globale Menschengemeinschaft bestände aus einer Vielzahl unterschiedlicher regionaler Kulturen mit ebenso vielfältigen regionalen Rechtsverständnissen, jedes gleichwertig neben- und zueinander legitim und in gegenseitigem fruchtbaren Austausch. Die gesellschaftlichen Normen und Regeln mögen sich hierbei regional ebenfalls unterschiedlich gestalten, doch bildet sich in dieser Freiheit der gesellschaftlichen Entwicklung über alle Regionalgruppen hinweg das menschlich gemeinsame, Verbindende eher heraus als durch ein entwicklungshemmendes Aufoktruieren nur gesagter Werte durch eine jede Menschlichkeit verleugnende sogenannte globale Wertegemeinschaft.

3. Alles dort organisieren, wo es hingehört

Die Welt ist ver-rückt. In dem Sinne, dass deren Einrichtung an falscher Stelle gerückt wurde. Sachverhalte, Erträge und Lasten wurden so hingerückt, dass die Erträge den Herrschenden und die Lasten den Dienenden überantwortet wurden, unabhängig vom sachlichen Verhalten der Angelegenheit an sich.

Eine künftige Gesellschaftsform muss sich an den Notwendigkeiten und Stellen-werten der Sachverhalte selbst orientieren mit der Maßgabe, dass Verantwortlichkeit, Aufwände und Erträge zunächst auf der kleinsten Organisationsebene anzusiedeln sind. Erst wenn Aufgaben zu groß, zu komplex, zu bedeutend oder zu interessant für die jeweils feingranulare Einheit werden, sind diese in einen Verbund höherer Organisation zu entwickeln.

Insofern werden sich die Gegebenheiten der täglichen Be- und Versorgungen auf der kleinstmöglichen regionalen Ebene befinden. Ebenso Fragen des gesellschaftlichen Miteinander, wozu insbesondere die Grundlagen der Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen und der Respekt für und die Erfahrungsaufnahme von älteren Menschen zählen. Auch die Entscheidung über Regeln und deren Durchsetzung ist auf der jeweiligen Sachebene anzusiedeln.

Übergreifende Fragestellungen sind im Verbund mit den weiteren betroffenen Regionaleinheiten in sachlicher Notwendigkeit zu bearbeiten. Dies können größere Projekte (bspw. gemeinsame Energieversorgung oder Wasserversorgung) oder Modalitäten gegenseitigen Austausches sein.

Globale Fragestellungen sowie wissenschaftliche und technische Grund- und Großentwicklungen können durch Expertenteams, die sich aus hervorragenden Geistern der Regionalgemeinschaften speisen, beraten und empfohlen werden. Eine Umsetzung soll in Form von Kooperativen erfolgen, die dem Gemeinwohl verpflichtet sind. Umgekehrt steht dieser Wissen- und Kenntnisschatz den Regionalgemeinschaften für deren Bildung und Verwendung kostenfrei zur Verfügung.

4. Netzwerke statt Hierarchien

Ein wesentlicher Aspekt der individuellen, aber auch gesellschaftlichen Entwicklung ist die Ablösung einer hierarchischen Grundhaltung durch eine kooperative. Dem liegt der Gedanke zugrunde, dass jeder Mensch (und jede Regionalgemeinschaft) einzigartige Fähigkeiten und Charakterzüge besitzt, die in einem passenden Kontext fruchtbringend für Individuum und Umgebung entwickelt und integriert werden können. Dieser fruchtbare Boden, in dem eine solche Selbstorganisation möglich wird, ist eine Grundhaltung, die solche Entwicklungs-Freiräume aufmacht und gleichzeitig vielfältige Anschlussmöglichkeiten für die jeweilige Entwicklung bietet.

Hierarchien haben prinzipbedingt immer einen bestimmenden Charakter, auch wohlwollende Anweisungen und Maßnahmen können den Eigenheiten der Untergebenen nie entsprechen. Insofern ist es sachnotwendig, dass die beherrschten Elemente einer Hierarchie kategorisiert und in der Kategorie gleichgestaltet werden müssen, um die Funktionsfähigkeit einer hierarchischen Struktur zu gewährleisten (dies trifft übrigens auch auf die befehlenden Elemente zu).

Netzwerke bezeichnen ein sachgerechtes Zusammenwirken von Akteuren. Die Kommunikation zwischen den Akteuren ist keine bestimmende, sondern eine sachlogische. Das heißt, es geht darum qualitative Beiträge für eine gemeinsam angestrebte Entwicklung oder Problemlösung bereitzustellen und umgekehrt qualitative Erträge für die eigenen Bedürfnisse zu generieren. Dieser Grundgedanke eines neodemokratischen Konzeptes bezeichnet ein Austausch- und kein Kontrollgeschehen.

Zusammenfassung

Menschen, denen ermöglicht wurde, ihr Menschsein auszuprägen, sind sowohl selbst- als auch sozialverantwortlich in der Lage, aus der eigenen erwachsenen Haltung heraus in einem regionalen, sozialen Netzwerk eine menschliche Gemeinschaft zum Gemeinwohl zu entwickeln. Verantwortlichkeiten sind nach deren Sachlogik auf der unterst möglichen regionalen Ebene zu anzusiedeln. Sachfremde Einflüsse selbsternannter Regulatoren widersprechen diesem Prinzip und sind abzulehnen.

Das Projekt "Rosenheim steht auf" hat das Ziel, für die Region Rosenheim diese regionale Netzwerkbildung als Keimzelle und Beispiel eines Ansatzes regionalen, menschen- und lebensbezogenen Zusammenlebens zu praktizieren.

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